Veröffentlicht in Kleine Hunde ganz groß

Kleine Hunde ganz groß, Teil 16: Menschensport

Hallo, liebe Hundekumpels und Hundemenschen! Gestern war mal wieder einer dieser Tage. Unser Mensch hat beschlossen, dass wir mehr Bewegung brauchen. Mit „wir“ meint sie eigentlich sich selbst, denn meine Schwester und ich bewegen uns ja immer ganz arg, aber meistens passiert dann trotzdem Folgendes: Ich sehe nur noch einen Finger auf mich zuschweben, und ehe hund sich versieht, piekst einen dieser Finger in die Rippen, gefolgt von: „Oje, du hast ja auch schon wieder etwas Mäusespeck angesetzt!“ Infame Frechheit! Ich bin supersexy, so wie ich bin! Und dann nimmt das Unglück seinen Lauf. Wir machen Sport.

Jetzt gäbe es so viele tolle Möglichkeiten, sich als Mensch mit Hund zu bewegen. Manchmal machen wir Agility, und wenn hund Sachen apportiert oder Tricks macht oder ein bisschen Dogdancing, dann ist das doch auch Sport. Ab und zu, wenn schlechtes Wetter ist und sonst fast niemand spazieren geht, denkt sich unser Mensch sogar das Spiel aus, dass die ganze Welt ein Hundespielplatz ist. Dann hüpfen wir auf so kleine Felsen am Wegrand, werden um Bäume geschickt und machen allerhand lustige Sachen zusammen. Das macht superviel Spaß und wir bewegen uns auch. Aber nein, für unseren Menschen ist das anscheinend kein Sport, denn dabei verbrennt man ja keine Kalorien. Was auch immer das heißen mag. Also werden die Laufschuhe angezogen und los geht’s. Meine Schwester Lilly und ich verstehen bis zum heutigen Tag nicht, was das soll.

Dieses „Laufen“ machen offenbar mehrere Menschen. Uns kommen beim Gassigehen oft welche entgegen, teilweise sogar ohne Hund! Der Sinn des Ganzen erschließt sich mir wirklich nicht. Da rennen die wie die Bekloppten durch die Landschaft, schauen nicht links und nicht rechts, und hund kann weder ordentlich schnuppern, wer sonst noch so da war, noch seiner hundlichen Pflicht des Nachrichtenhinterlassens nachkommen. Ganz ehrlich, warum ist hund denn sonst überhaupt unterwegs? Jagen gehen dürfen wir sowieso nicht, und eigentlich braucht’s das ja auch nicht, wenn das Essen in Plastiktüten von selber in die Wohnung kommt. Jetzt ist unser Mensch wenigstens so nett, dass wir – zumindest am Anfang – nicht an der Leine laufen müssen. Da geht dann alles seinen gewohnten Gang und wir können erledigen, was ein Hund eben so zu erledigen hat. Doch ziemlich bald wird es ärgerlich: Nachdem unser Mensch ja wie blöd durch die Gegend rennt, kommen wir so allmählich immer ins Hintertreffen, weil die Pflicht doch stets unweigerlich ruft. Wir trödeln also hinterher, der Abstand wird größer und größer, und wenn ein fremder Hund kommt oder ein Fahrrad – obwohl da gar keine Fahrräder fahren dürfen! – oder ein anderer Laufmensch, gibt es grundsätzlich Ärger, weil wir nicht schnell genug bei unserem Menschen sind. Dann müssen wir uns da hinsetzen, wo wir grad sind, wenn es nicht gerade ein fremder Hund ist, der da ankommt, und alle sind schlecht gelaunt. Es kommt aber noch schlimmer: Über kurz oder lang findet unser Mensch unser Rumtrödeln lästig und will uns nicht ständig rufen, zumal wenn meine Schwester auch noch heimlich schlammbaden geht. Also müssen wir an die Leine. Die restliche Strecke traben wir dann neben unserem Menschen her. Wo ist denn da der Spaß?

Aber das Gute ist, dass unser Mensch immerhin erziehbar ist. Mittlerweile kommt unser Futterbeutel mit und wir holen den aus dem hohen Gras, während sie ihren Weg entlang trabt. Wenn wir an einem Felsen vorbeikommen, hüpfen wir drauf, und manchmal werden wir auch um einen Baum geschickt. Mit dem Kompromiss lässt sich ja leben. Außerdem hat sie begriffen, dass wir auch mal gerne einen Ausflug machen. Daher wandern wir ab und zu einen halben Tag lang durch die Gegend, und das ist dann auch Sport, sagt unser Mensch. Wenigstens ist sie noch nicht auf die Idee gekommen, dass sie auf so einem Fahrrad fahren könnte, wo wir dann wieder nebenher laufen müssen. Also, versteht mich nicht falsch, wenn euch das Spaß macht, bitteschön, jedem das Seine, aber für uns ist das nichts. Das Thema haben wir ohnehin im Griff, weil wir jedes Mal, wenn wir so ein Fahrrad ganz nah sehen, so tun, als ob wir ganz fürchterliche Angst hätten, sodass das Vorhaben im Keim erstickt ist. Ihr seht, liebe Hundekumpels: Wieder zahlt sich eine ordentliche Menschenerziehung aus! Also schaltet euren Computer jetzt aus und bringt eurem Menschen bei, welchen Sport ihr gerne machen wollt. Denn eins stimmt schon: Bewegung macht Spaß!

Ein sportliches Nuff an euch alle!

Lunka und Lilly

 

Autor:

Lunka und Lilly sind zwei kleine Mischlingshunde aus dem Tierheim Kezmarok am Fuße der Hohen Tatra in der nordöstlichen Slowakei. Sie kamen als einjährige Junghunde im Sommer 2008 nach Deutschland. Ihr Zustand war wie bei vielen Hunden aus dem Ausland nicht gut, obwohl es noch deutlich schlimmere Fälle gibt. Sie waren sehr mager und verängstigt. Gerade deshalb ist es immer wieder erstaunlich, wie sehr sich die beiden gemacht haben. Aus ihrem „ersten Leben“ weiß man nicht viel. Sie kamen wohl als Welpen noch an die Kette und fristeten so ihr erstes Lebensjahr. Als sie dann mit einem Jahr noch nicht furchteinflößend genug waren, wollte man sie wohl beseitigen. Genaues weiß man nicht, aber nachdem Plastiktüten und raschelnde Folien immer noch ein großes Problem sind, kann man sich wohl seinen Reim darauf machen. Allerdings werden Tüten, die möglicherweise Leckerlis enthalten, mittlerweile eher freudig begrüßt. Große Angst haben sie immer noch vor Männern mit Stöcken bzw. Angeln, vor sehr dominant auftretenden Menschen und Hunden sowie vor kleinen Kindern. Umso beachtlicher ist es, wie mutig sie schon geworden sind. Unseren kleinen Ausflug in die Welt der Schule haben sie sehr genossen; ebenso besuchen wir mittlerweile mit großer Begeisterung jeden zweiten Samstag ein Alten- und Pflegeheim für Demenzkranke. Es ist sehr anrührend zu beobachten, wie sehr sie auf die kranken Menschen eingehen. Interessanterweise lassen sie sich von diesen auch alles gefallen. Selbst wenn jemand etwas gröber ist, verzeihen sie das sofort und gehen auch sofort wieder zu demjenigen hin. Bei gesunden Menschen würden sie das nicht tun. Selbstverständlich gilt hier wie auch in allen anderen Bereichen, die wir uns nach und nach erobern: Sobald die beiden zeigen, dass sie sich unwohl fühlen, wird die möglicherweise stressbesetzte Situation unterbrochen. Auf diese Weise trauen sie sich nun immer mehr zu und so werden sie auch zu einem schönen Beispiel, was aus den ominösen „Tierschutzhunden aus dem Ausland“ alles werden kann. Das Tierheim Kezmarok ist in der sehr armen Region, in der es liegt, zumeist die einzige Chance für viele Hunde und Katzen. Selbstverständlich darf man sich dieses Asyl nicht vorstellen wie eines unserer deutschen Tierheime. Es gibt nicht auf dem ganzen Gelände Strom, und um eine Wasserleitung kämpfen wir seit Jahren. Seit letztem Sommer existiert immerhin ein Auslauf, denn bis dahin fristeten die Hunde den Großteil ihres Lebens im Zwinger. Es gibt keine nennenswerten Innenanlagen, d. h. wenn es im Winter bitterkalt wird (letzten Winter wochenlang um die -20 Grad!), wird das Überleben vor allem für kleinere und kurzhaarige Hunde schwierig. Die Katzen bewegen sich frei im Umland und kommen zum Füttern. Trotz dieser Zustände ist das Tierheim Kezmarok eine Lebensaufgabe für Idealisten, denn im Gegensatz zu den bekannten staatlichen Tierheimen wird dort immerhin kein Tier getötet, und die dortigen Mitarbeiter kümmern sich mit größtmöglicher Liebe und Zuwendung um die Tiere. Im Sommer 2011 wurde das Tierheim vom nahe gelegenen Gebirgsbach überschwemmt und zum großen Teil zerstört. Nur durch die beeindruckende Hilfe der dortigen Bevölkerung und den spontanen Einsatz deutscher Tierschutzvereine und durch viele Spenden aus Deutschland konnte es wieder aufgebaut werden. Die Tierhilfe Hohe Tatra Kezmarok e.V. ist ein sehr junger Verein, der sich der Unterstützung des Tierheims in Kezmarok verschrieben hat. Neben der Vermittlung von Hunden und Katzen ist ein Hauptziel, das Tierheim durch Spenden und tatkräftige Hilfe zu unterstützen. So wurde der Verein zu einer wichtigen Stütze für Tier und Mensch.

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