Veröffentlicht in Kleine Hunde ganz groß

Kleine Hunde ganz groß, Teil 28: Das große Warten

WartenHallo, liebe Hundekumpels und Hundemenschen! So ein Hundeleben besteht doch hauptsächlich aus einem: dem großen Warten. Wir warten darauf, dass unser Mensch nach Hause kommt, wir warten darauf, dass unser Mensch mit irgendetwas fertig wird, damit wir endlich Gassi gehen können, wir warten, wir warten. Bei uns ist das mit der Warterei höchst unterschiedlich.

 

Vormittags warten wir meistens auf unseren Menschen. Morgens gehen wir unsere Gassirunde, wir versorgen unsere Kaninchen und essen unser eigenes Frühstück, und dann muss unser Mensch in die Arbeit. Einmal in der Woche dürfen wir mit, aber vier Mal müssen wir eben vormittags warten. Das ist so viel, wie wir Hunde Pfoten haben. Also, die meisten von uns. Ich persönlich finde das überschaubar, und wenn ich dann auch noch einen Kauknochen habe, brauche ich auch wirklich keinen Menschen mehr. Manchmal nervt es mich auch ein bisschen, wenn unser Mensch auftaucht, bevor ich meinen Knochen fertiggekaut habe. Das stresst ein wenig, denn vielleicht will unser Mensch den ganzen schönen Knochen für sich haben? Das ist zwar noch nie passiert, aber hund kann nicht vorsichtig genug sein. Einmal war es so, dass unser Mensch heimkam, und meine Schwester Lilly und ich hatten beide noch ein bisschen was von unseren Kauknochen übrig. Als meine Schwester dann freudestrahlend zur Tür rannte, merkte ich, dass sie eben noch ein Stückchen Knochen auf dem Kissen liegen hatte, also sprintete ich los, denn zwei Knochen sind besser als einer, klar. Als ich dann wieder bei meinem Bettchen (und meinem eigenen Knochenrest) angelangt war, freute ich mich schon auf zwei Knochen, aber da war keiner mehr! Sofort fetzte ich los, um nochmal auf dem Bettchen meiner Schwester nachzusehen, und tatsächlich: Da war auf einmal mein Kauknochen! Den schnappte ich mir natürlich, aber auf meinem Bettchen war plötzlich der andere Knochen verschwunden. Das war mir echt zu hoch. Unser Mensch stand noch in der Jacke in der Tür und lachte und lachte. Da hatte wohl meine Schwester ausnahmsweise die gleiche geniale Idee wie ich, und immer, wenn ich flitzte, tat sie dasselbe! Hund glaubt es kaum. Letztlich hatte dann jede wieder den eigenen Knochen und alles war gut, aber peinlich war’s mir schon ein wenig.

 

Apropos Schwester: Meine Schwester Lilly kommt mit der ganzen Warterei nicht mehr so gut klar wie ich. Ich bin da wesentlich cooler. Immer, wenn wir schon ganz oft vormittags gewartet haben, weil schon lang keine Ferien mehr waren, findet sie, sie mag lieber mitgehen und nicht mehr daheim sein. Dann steht sie morgens im Treppenhaus und mag nicht mehr in die Wohnung, oder sie versteckt sich unter dem Bett, weil wir ja nicht im Schlafzimmer bleiben dürfen. Und das nur, weil ich mal ein paar Bücher gelesen und mir die Fotoalben angeschaut habe… Auf alle Fälle macht meine Schwester dann immer einen auf Unglückshund. Ich glaube ja fast, sie macht das nur, weil unser Mensch dann letztlich zum Wienerle oder zum Käse greift, damit sie wieder rauskommt. Insofern wäre es ja fast ein neues Kapitel Menschenerziehung. Gar nicht dumm! Sobald unser Mensch dann weg ist, schleicht sie sich sowieso ins Bad hinter die Waschmaschine, aber das dürft ihr unserem Menschen nicht sagen, wir dürfen nämlich nicht ins Bad! Unser Mensch hat sich schon überlegt, ihr ein getragenes T-Shirt ins Bettchen zu legen zum Trost. Ich weiß ja nicht. Mal kucken, vielleicht ist das dann ganz gemütlich.

 

Wir wissen ja, dass unser Mensch immer wiederkommt, und manchmal hat sie dann auch noch erfolgreich irgendetwas gejagt. So ein Stückchen leckeren Leberkäse, zum Beispiel, oder ein paar Hundekekse oder (Mmmh!) neue Wienerle. Dann passt auch wieder alles, finde ich. Ab und zu kommt es vor, dass es bei unserem Menschen etwas später wird. Da wird’s dann besonders spannend, denn für solche Gelegenheiten haben wir immer ein Gassimädel. Unser liebstes Gassimädel wohnt jetzt leider ganz weit weg, ganz weit im Norden, wo schon das Meer ist. Im Laufe der Jahre hatten wir mehrere, aber es ist immer spannend, wenn auf einmal nicht unser eigener Mensch das Treppenhaus heraufgeschnauft kommt, sondern das jeweilige Mädel. Lustig ist es ja schon ganz am Anfang, wenn wir unsere Geschirre angelegt bekommen sollen. Ich persönlich bevorzuge ja den „Superhund-Style“: Einfach mit der rechten Pfote voran durchs Geschirr hüpfen und die richtigen Löcher treffen, und dann muss der Mensch nur noch die Schnalle zumachen. Unserem eigenen Menschen habe ich das ja schon beigebracht, aber bei den Gassimädeln ist das immer so eine Sache. Außerdem freuen wir uns ja immer so und dann hüpfen wir doch etwas unkoordiniert durch die Gegend. Nach dem Gassimädelgassi (Das ist dann wieder ein eigenes Kapitel….) bekommen wir immer entweder einen großen Kauknochen oder etwas noch Spannenderes: Klorollenspielzeug! Unser Mensch schnappt sich immer so eine abgewickelte Papprolle und stopft allerhand leckeres Zeug rein. Ich habe immer so großen Spaß beim Zerfetzen, dass unser Mensch danach die halbe Wohnung putzen muss. Bei meiner Schwester wird die Klopapprolle meistens nur ein bisschen zugemacht, weil sie’s mal wieder nicht checkt und dann ganz furchtbar mitleiderregend schaut. Ich bekomme mittlerweile die verschärfte Variante mit Schachteln in der Schachtel. Ein wahres Fest! Und schwuppdiwupp ist unser Mensch auch schon wieder da.

 

Es gibt aber auch noch andere Arten von Warten, wenn unser Mensch zuhause ist. Meistens findet das statt, wenn unser Mensch arbeiten muss. Das sieht meistens so aus, dass Hefte oder Ähnliches auf dem Schreibtisch liegen, in die die Kinder hineingeschrieben haben, und unser Mensch muss dann mit einem roten Stift auch etwas hineinschreiben. Korrigieren heißt das. Oft kringeln wir uns in dem Fall einfach auf einem unserer Bettchen zusammen, aber manchmal müssen wir auch helfend eingreifen. Einmal im Jahr, im Sommer, muss nämlich ganz schnell ganz viel korrigiert werden, und wenn dann die Kinder etwas falsch machen, ist es anscheinend besonders tragisch. Das nennt sich Abitur. Ich glaube, das ist so etwas wie eine Begleithundeprüfung für Jungmenschen oder so. Da können wir auch nicht so viel Gassi gehen und bekommen ganz oft irgendwelche lustigen Alleinspielzeuge, wie unsere Futterbälle oder Schuhschachteln voll mit Zeitungspapier und Keksen, aber letztlich können wir unseren Menschen auch nicht einfach so im Stich lassen. Ich persönlich lege mich dann immer sehr hilfreich und betont entspannt unter den Schreibtisch, und meine Schwester Lilly landet über kurz oder lang auf einem Extrastuhl mit Kissen neben unserem Menschen, und immer wenn es besonders schlimm ist, schleckt sie unseren Menschen sehr tröstend ab. Das scheint auch zu helfen. Auf die Art sieht meine Schwester auch immer ein bisschen, worum es so geht. Letztes Jahr mussten die Kinder, die offenbar schon recht groß sind, wenn sie dieses Abitur machen, etwas über Muße schreiben. Muße ist so etwas wie entspannt sein oder so ähnlich, glaube ich. Da hätten sie mal besser uns gefragt, dann hätte unser Mensch nicht so viel seufzen müssen…

 

Ein durchaus entspanntes Wartenuff an euch alle!

 

Lunka und Lilly

 

 

P.S.: Die Strategie mit dem T-Shirt hat wunderbar funktioniert. Beide Hunde sind morgens relativ gut gelaunt und hinter der Waschmaschine hat sich mittlerweile wie von Geisterpfote ein Stillleben aus Badvorleger und T-Shirt installiert. Aber natürlich weiß ich davon nichts. (Der Mensch)

 

 

 

Autor:

Lunka und Lilly sind zwei kleine Mischlingshunde aus dem Tierheim Kezmarok am Fuße der Hohen Tatra in der nordöstlichen Slowakei. Sie kamen als einjährige Junghunde im Sommer 2008 nach Deutschland. Ihr Zustand war wie bei vielen Hunden aus dem Ausland nicht gut, obwohl es noch deutlich schlimmere Fälle gibt. Sie waren sehr mager und verängstigt. Gerade deshalb ist es immer wieder erstaunlich, wie sehr sich die beiden gemacht haben. Aus ihrem „ersten Leben“ weiß man nicht viel. Sie kamen wohl als Welpen noch an die Kette und fristeten so ihr erstes Lebensjahr. Als sie dann mit einem Jahr noch nicht furchteinflößend genug waren, wollte man sie wohl beseitigen. Genaues weiß man nicht, aber nachdem Plastiktüten und raschelnde Folien immer noch ein großes Problem sind, kann man sich wohl seinen Reim darauf machen. Allerdings werden Tüten, die möglicherweise Leckerlis enthalten, mittlerweile eher freudig begrüßt. Große Angst haben sie immer noch vor Männern mit Stöcken bzw. Angeln, vor sehr dominant auftretenden Menschen und Hunden sowie vor kleinen Kindern. Umso beachtlicher ist es, wie mutig sie schon geworden sind. Unseren kleinen Ausflug in die Welt der Schule haben sie sehr genossen; ebenso besuchen wir mittlerweile mit großer Begeisterung jeden zweiten Samstag ein Alten- und Pflegeheim für Demenzkranke. Es ist sehr anrührend zu beobachten, wie sehr sie auf die kranken Menschen eingehen. Interessanterweise lassen sie sich von diesen auch alles gefallen. Selbst wenn jemand etwas gröber ist, verzeihen sie das sofort und gehen auch sofort wieder zu demjenigen hin. Bei gesunden Menschen würden sie das nicht tun. Selbstverständlich gilt hier wie auch in allen anderen Bereichen, die wir uns nach und nach erobern: Sobald die beiden zeigen, dass sie sich unwohl fühlen, wird die möglicherweise stressbesetzte Situation unterbrochen. Auf diese Weise trauen sie sich nun immer mehr zu und so werden sie auch zu einem schönen Beispiel, was aus den ominösen „Tierschutzhunden aus dem Ausland“ alles werden kann. Das Tierheim Kezmarok ist in der sehr armen Region, in der es liegt, zumeist die einzige Chance für viele Hunde und Katzen. Selbstverständlich darf man sich dieses Asyl nicht vorstellen wie eines unserer deutschen Tierheime. Es gibt nicht auf dem ganzen Gelände Strom, und um eine Wasserleitung kämpfen wir seit Jahren. Seit letztem Sommer existiert immerhin ein Auslauf, denn bis dahin fristeten die Hunde den Großteil ihres Lebens im Zwinger. Es gibt keine nennenswerten Innenanlagen, d. h. wenn es im Winter bitterkalt wird (letzten Winter wochenlang um die -20 Grad!), wird das Überleben vor allem für kleinere und kurzhaarige Hunde schwierig. Die Katzen bewegen sich frei im Umland und kommen zum Füttern. Trotz dieser Zustände ist das Tierheim Kezmarok eine Lebensaufgabe für Idealisten, denn im Gegensatz zu den bekannten staatlichen Tierheimen wird dort immerhin kein Tier getötet, und die dortigen Mitarbeiter kümmern sich mit größtmöglicher Liebe und Zuwendung um die Tiere. Im Sommer 2011 wurde das Tierheim vom nahe gelegenen Gebirgsbach überschwemmt und zum großen Teil zerstört. Nur durch die beeindruckende Hilfe der dortigen Bevölkerung und den spontanen Einsatz deutscher Tierschutzvereine und durch viele Spenden aus Deutschland konnte es wieder aufgebaut werden. Die Tierhilfe Hohe Tatra Kezmarok e.V. ist ein sehr junger Verein, der sich der Unterstützung des Tierheims in Kezmarok verschrieben hat. Neben der Vermittlung von Hunden und Katzen ist ein Hauptziel, das Tierheim durch Spenden und tatkräftige Hilfe zu unterstützen. So wurde der Verein zu einer wichtigen Stütze für Tier und Mensch.

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